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Es steht ein Schiff, geladen…


 

Ein stehendes Schiff, mitten auf dem Berg? Gibt es: Hauptstraße 28, Kirchbrombach. Schiffe sind spätestens aus der Nähe meist sehenswert.  Vielleicht überzeugen die gestrafften Segel mit ihrer Ästhetik, vielleicht faszinieren die technischen Aufbauten, vielleicht stellt sich die spannende Frage, wie so ein alter Seelenverkäufer überhaupt noch läuft.

 

Wer in unsere Kirche tritt, hebt beim Hereintreten durch die Seitentür oft den Blick, überwältigt durch die Weite, die sich bietet. Mit „Oh!“ und „Ah!“ treten neue „Passagiere“ in unser Kirchenschiff und sind überrascht, was sie zu sehen bekommen.

 

Zunächst einmal fällt die Helligkeit in dem Raum auf. Die dominierenden Farben sind Sandstein, hellblau und weiß. Die Bodenplatten sind alt, aber begehbar, die Wege sind breit und selbst der Aufgang zur Empore bietet Bewegungsfreiheit. Die Orgel, nun auch schon wieder 50 Jahre alt, überragt das Oberdeck..

 

Von oben gibt es einen herrlichen Überblick zur Ostwand hin: Links das Wappen von Löwenstein-Wertheim-Rosenberg, dazwischen der Blick in den Chorraum mit seinem Altar, rechts das Erbacher Wappen.

 

Erst auf den zweiten Blick fällt auf, unter welcher Flagge das Schiff fährt: Seitlich hängt der Gemarterte, über-lebensgroß, aber authentisch als Leichnam dargestellt. Handwerkskunst des 15. Jahrhunderts. Manch einen gruselt es , wenn der Schmerzensmann so halb über einem hängt. Und daran ändern auch die fehlenden Bänke nichts: Diese wurden nicht etwa zum Verfeuern verbannt (es gibt sie noch!), sondern ermöglichen eine flexiblere Bestuhlung. Vor allem auf der rechten Seite entsteht dadurch Platz – sei es für Musiker, für Kinder (und den dazu ausgerollten dicken Teppich unter der Kanzel) oder aber für die besondere Sitzordnung an Kareitag.  Da widmet sich die ganze Gemeinde dem Gekreuzigten – Grusel hin oder her.

 

Als die Kirche 1711 in Brand geriet, hätte wohl niemand gedacht, dass diese alte Mauern, gebaut noch vor der Reformation aus den Steinen der alten Burg, je wieder in diesem Glanz aufgerichtet werden würden. Zwar waren Turm und Chrorraum noch intakt, doch das Langhaus hatte stark gelitten. So wurde der spätgotische Bau in seiner Mitte barock wieder aufgebaut. Dieses Erscheinungsbild prägt die Kirche bis heute.

 

Kanzel und Taufstein tragen ebenfalls die Spuren des Barock, in beiden Werken zeigt sich örtliche Handwerkskunst. Über den Taufengel gibt es eine Rechnung die nach Erbach führt, ein sehr ähnliches Exemplar steht in Vielbrunn. Der Schalldeckel über der Kanzel (zur besseren Akustik, damals hieß Tontechnik noch „Töpfern“) wird von einem vermeindlichen Pelikan geziert: Diesem wurde bisweilen nachgesagt, er nähre seine Jungen durch sein eigenes Blut. Ein Sinnbild für den sterbenden Christus. Wie wir es deuten sollen, dass der Pelikan seine Jungen  ganz lapidar aus seinem Schnabel füttert und zudem unser Pelikan ein Schwan ist, darauf dürfen sich die Kirchenraumbesucher ihren eigenen Reim machen.

 

Eher eindeutig ist die Symbolsprache des Lebensbaumes unter der Empore. Verstorbenen und Getauften gleichermaßen wird zugesagt: „Ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“ (Jes. 43, 1). Denn das Getauft-Sein endet nicht mit dem Tod, darum braucht uns auch der auf der Gegenseite dargestellte Leichnam nicht zu schrecken. Neben den grünen Kärtchen der Getauften am Baum stehen die Kerzen der Konfirmanden, wie die Taufkerzen auch werden sie an der Osterkerze entzündet. Das Leben ist nun mal stärker als der Tod, so, wie das Licht stärker ist als die Dunkelheit. Dafür stehen wir als Kirche Christi ein, und das bezeugen wir auch in unseren „Heiligen Hallen“.

 

Sinnliche Lebensfreude gibt es im Mittelgang: Dort stehen nach dem Gottesdienst ausreichend Tassen und warme Getränke bereit, außerdem Freiwillige, die mit ihrem Engagement die Gastfreundlichkeit unseres Hauses ausdrücken. An dieser Stelle ein ganz herzliches Danke! Für jüngere Gottesdienstteilnehmer gibt es zudem die Bücherkiste, die allerlei Kurzweil verspricht. Wenn auch Ältere etwas lesen möchten: Bibeln liegen bereit, und auch das Gesangbuch im mobilen Regal bietet Lesefutter: Lieder, Texte, unser Katechismus (suchen Sie sich einen aus!) und Gebete, aber auch allerlei Wissenswertes über die Tradition in unseren Kirchen.

 

Wer mehr was fürs Auge möchte kann auch einen Leporello erwerben, wahlweise auch eine Kerze mit unserem Altar oder eine Bibelübersetzung im heutigen Deutsch.

 

Apropos Kosten: Wieviel Zeit kostete es wohl,  die Sterne an die Decke zu zeichnen? Und wieviel Zeit kostet es wohl, die Sterne an der Decke zu zählen? Bisher gab es bloß wage Vermutungen und äußerst grobe Schätzungen. Wer traut sich? Es gibt auch etwas zu gewinnen! Ihre Schätzung (oder Zählung) richten Sie bitte schriftlich (Papier oder Mail) an Pfr. Thomas Lotz. Informationen zu der Entstehung der Sterne bitte ebenfalls an diese Adresse.

 

Der Wortherkunft nach beschreibt ein „Schiff“ einen schützenden Hohlkörper, verwandt mit dem Wort „Krippe“. Waren Kirchen früher oft Schutzräume (gemauert im Gegensatz zu den Wohnhäusern) gegen äußerliche Feinde, wurden sie schon bald als Heilige Schutzräume verstanden, die ein besonderes Benehmen abverlangen. Muss man in einer Kirche leise sein? Ich meine, man darf zumindest laut singen! Probieren Sie es doch mal aus mit dem Lied aus der Überschrift. Es steht zwar unter der Rubrik „Advent“, ist aber auch ein Passionslied. Schauen sie selbst nach, Sie kennen sich ja jetzt aus!

 

In diesem Sinne: Ahoi!

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